„Am Herrn der Ringe muß sich alle moderne Fantasy messen lassen“, stand auf dem Umschlag eines Buches, dessen Titel ich vergaß, bei der Verlagskritik.
Das war für mich der Anlaß, dieses Buch fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel, ich hatte Glück, nicht aus dem Bücherladen geworfen zu werden… die tödlichen Blicke der Angestellten – Scherz beiseite. Vor allem findet sich darin der Grund, warum ich mich an den Buchtitel nicht mehr erinnern kann. Oder an das bißchen Inhalt, das ich bis zu diesem Armuts-Bekenntnis der Eigenwerbung der Aufmachung des Werks entnommen hatte.
Kein Einzelfall
Auf einem Buchumschlag ist naturgemäß nicht viel Platz für den Verlag, für den Leser ersichtlich zu machen, wo im Verlagsprogramm das Buch einzuordnen ist und was den Kunden erwartet, wenn er es kauft. Knappe Kommentare sind also vorprogrammiert; und überall, wo etwas knapp gehalten werden muß, treten Häufigkeiten und Ähnlichkeiten auf. Der Vergleich mit dem Herrn der Ringe ist kein Einzelfall – epische Sagen von epischen Ausmaßen, die Zwerge, die Orks, die Elfen, die Trolle: das Angebot an Fantasy im Stil des Herrn der Ringe ist anscheinend so regalfüllend, dass es für einfallsreiche Titel auch nicht mehr langt… was schade ist, denn aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, ich und der Leserkreis, in dem ich mich bewege, war davon immer mehr angelockt.
Abschreckend
Eine High-Fantasy-Schwarte mit Tolkien zu vergleichen wirkt abschreckend. Nicht das erste Buch haben wir beim Kauf gelangweilt und angewidert deswegen wieder aus der Hand gelegt, ohne das Portemonnaie zu befühlen, ob noch genug Geld dafür vorhanden wäre. Dummerweise scheint dieses Problem bei den Verlagen noch nicht angekommen zu sein. Dabei sind wir gar keine intellektuellen Leser an sich. Wir können prima Spaß an Durchschnitts-Fantasy haben, auch ohne uns über Schwächen und stilistische Grobheiten oder schlechtes Lektorat zu amüsieren. Wir wollen auch zur Zielgruppe gehören. Wir suchen das Besondere, das es in den allermeisten Büchern gibt, selbst wenn der hunderttausendste Abklatsch einer einst großen Idee behandelt wird. Liebe Verlage, der Herr der Ringe, das ist das Besondere jedenfalls nicht. Denn:
Es kann nur einen geben
Tolkien war ein Kalligraph und leidenschaftlich begabter Sprachenkundler. Sein Schreibstil war von einem Feinsinn, an den moderne Autoren nicht herankommen müssen, weil sich das schlecht verkauft. Ohne diesen anspruchsvollen Stil ist eine Geschichte von einem Helden, der ein Artefakt vernichten geht, aber kein Herr der Ringe.
Es muß auch nur einen geben
Viele Bücher, bei denen draufsteht, sie treten die Nachfolge des Herrn der Ringe an, haben nicht einmal ansatzweise Ähnlichkeit mit dem Original. Das ist an sich begrüßenswert, denn so schön, so episch und monumental, so die Fantasie anregend dieses Original auch ist, beim zweiten Schmöker dieser Art würde einen solchen nur retten, dass er nicht so viele Seiten beansprucht. Dann hält man die Langeweile noch durch.
Wegmarken und Meßlatten
Tolkien hat mit dem Herrn der Ringe der Fantasy Wegmarken gesetzt, die zu mißachten, zu leugnen oder in ihrem Wert zu schmälern kaum Fruchtbarkeit der Branche erzeugen kann. Aber gleichzeitig besitzt sein Werk eine Einmaligkeit, die in Kopie eben nur sein kann, was eine Kopie ist – eine Kopie. Die guten Kopien, ja, nett, aber das haben wir doch alles schonmal gelesen. Die schlechten Kopien führen zu nächtlichem Haareraufen, und das, wo ich damals jede Nacht mit dem dicken roten Buch auf den Knien gesessen habe und unbedingt wissen wollte, was aus Streicher und Frodo und Meister Samweis wurde.
Ein paar neue Meßlatten anzulegen wäre vielleicht angebracht. Warum muß sich die moderne Fantasy an nicht moderner Fantasy messen lassen, warum tut sie nicht das, was Tolkien mit dem Herrn der Ringe getan hat – warum schlägt sie nicht eigene Pfade ein, die sie dann auch glaubhaft vertreten kann? Es gibt Konzepte in der Literatur, die zu kopieren und zu adaptieren leichter und erfolgreicher ist. Der Herr der Ringe bietet in dieser Hinsicht trotz seiner grundlegenden Genialität hierfür nicht allzuviel Basis. Ich bin der Ansicht, daß wir Grundlagen nutzen sollten, aber bitte nicht so tun, als seien wir seither keinen Schritt weiter gekommen.